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Was ist Bandes dessinées: eine französisch-belgische Comic-Tradition

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Wenn man über die Welt der Comics spricht, denkt man am häufigsten an amerikanische comics mit Superhelden oder an japanische Manga. Doch in Europa hat sich eine eigene große Tradition der gezeichneten Geschichten entwickelt, insbesondere in Verbindung mit Frankreich und Belgien. Genau das ist gemeint, wenn man von bande dessinéebande dessinée — spricht.
„Tim und Struppi“, „Asterix“, „Lucky Luke“, „Die Schlümpfe“, Blueberry, Valérian et Laureline, The Incal — all diese sehr unterschiedlichen Werke sind in einem kulturellen Umfeld gewachsen. Daher sollte man die bande dessinée nicht als spezifisches Genre oder Zeichenstil betrachten. Es ist eher eine eigene Comic-Tradition mit ihrer eigenen Geschichte, Verlagsformaten, Zeitschriften und Kunstschulen.

Was bedeutet bande dessinée

Der französische Ausdruck bande dessinée bedeutet wörtlich etwa „gezeichnete Reihe“ oder „gezeichneter Streifen“: bande — Streifen oder Reihe, dessinée — gezeichnet. Im Französischen ist auch die Abkürzung BD sehr verbreitet.
Hier gibt es einen wichtigen Nuance. Für einen französischsprachigen Menschen ist bande dessinée der allgemeine Begriff für Comics und nicht eine spezielle Art davon. Das heißt, auf Französisch kann dieser Begriff Comics aus verschiedenen Ländern und Traditionen bezeichnen.
In anderen Sprachen hingegen wird bande dessinée oft enger verwendet — als Bezeichnung für die französische und belgische, und breiter für die frankophone Comic-Tradition. In diesem Sinne wird das Wort „bande dessinée“ auch in ukrainischen Texten am häufigsten verwendet. Die Schreibvarianten sind noch nicht ganz festgelegt: Man kann auf „bande dessinée“, „bande desine“ und „bandesinée“ stoßen. Die Form „bande dessinée“ kommt insbesondere in ukrainischen akademischen Materialien über Comics vor.
Daher ist es nicht ganz richtig, die bande dessinée als „Comic-Genre“ zu bezeichnen. Fantasy, Krimi, Western oder Science-Fiction — das sind Genres. Die bande dessinée hingegen ist eine kulturelle und verlegerische Tradition, innerhalb derer all diese existieren können.

Wie die Tradition der bande dessinée entstand

Die Geschichte der europäischen gezeichneten Erzählungen begann lange vor „Asterix“ und „Tim und Struppi“. Einer der wichtigen Vorläufer des modernen Comics ist der Schweizer Künstler und Schriftsteller Rodolphe Töpffer, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortlaufende Geschichten schuf, in denen Text und Bild gemeinsam die Handlung vorantrieben.
Besonders im 20. Jahrhundert entwickelte sich der frankophone Comic dank Zeitungen und Zeitschriften. Die Presse war lange Zeit der Hauptort, an dem die Leser mit neuen gezeichneten Geschichten vertraut gemacht wurden. Später wurden einzelne Episoden in Buchausgaben — Alben — gesammelt.
Eine der wichtigsten Figuren dieser Geschichte war der Belgier Hergé. 1929 begann in der Kinderbeilage Le Petit Vingtième die Veröffentlichung der Abenteuer von Tim und Struppi. Später wurde die Serie zu einem Symbol nicht nur des belgischen, sondern auch des europäischen Comics.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Zeitschriften Spirou und Tintin großen Einfluss auf die Entwicklung der BD, und Ende der 1950er Jahre kam das französische Pilote hinzu. In seiner ersten Ausgabe vom 29. Oktober 1959 erschien „Asterix“, geschaffen von dem Drehbuchautor René Goscinny und dem Zeichner Albert Uderzo.
Die Geschichte der frankophonen bande dessinée lässt sich kaum von der Geschichte der Presse trennen: Die Nationalbibliothek Frankreichs verfolgt die Entwicklung der BD von den frühen gezeichneten Geschichten über die Zeitschriftenkultur des 20. Jahrhunderts bis hin zum modernen Graphic Novel.

Was unterscheidet bande dessinée von amerikanischen Comics und Manga

Die einfachste Antwort ist — die Geschichte und die Verlagskultur.
Die amerikanische Industrie entwickelte sich weitgehend von Zeitungs-comic strips zu periodischen comic books. In Japan spielte die Serialisierung von Manga in Zeitschriften mit anschließender Veröffentlichung in einzelnen Bänden eine wichtige Rolle.
In der franko-belgischen Tradition wurde eines der charakteristischen Formate das Album — ein vergleichsweise großes, farbiges Buch, oft in Hardcover. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Alben mit etwa 48 Seiten besonders populär. Dieses Format war so eng mit dem franko-belgischen Comic verbunden, dass es sogar eine informelle Bezeichnung 48CC erhielt — 48 pages, cartonné, couleurs, also „48 Seiten, Hardcover, Farbe“.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder moderne bande dessinée genau 48 Seiten hat oder unbedingt im Hardcover erscheint. Heute sind die Formate viel vielfältiger, und die Grenze zwischen dem traditionellen Album und dem Graphic Novel ist weniger klar.
Ein auffälliges Merkmal vieler klassischer BD ist auch die große Aufmerksamkeit für die Seitenkomposition. Der Künstler arbeitet nicht nur mit dem einzelnen Bild, sondern auch damit, wie der Blick des Lesers zwischen den Panels wandert, wo es eine Pause gibt, wie sich das Tempo verändert und wie viel Information eine Doppelseite enthält.
Es wäre jedoch ein Fehler, von einem einheitlichen „Stil der bande dessinée“ zu sprechen. Es existiert einfach nicht.

Ligne claire und andere Stile

ligne claire, oder „klare Linie“.
Dieser Begriff wird am meisten mit dem Werk von Hergé und seinen Nachfolgern assoziiert. Für ligne claire sind klare, gleichmäßige Konturen, saubere Farbflächen, minimale Schattierung und eine gut lesbare Komposition charakteristisch.
Doch ligne claire ist nur eine Richtung. Neben ihr entwickelten sich karikaturistische und sehr dynamische Stile, realistischer Abenteuerzeichnungsstil, fantastische Grafik, künstlerischer Minimalismus und experimentelle Formen.
Deshalb ist es visuell fast unmöglich, „Asterix“ mit dem Western Blueberry oder die fantastischen Arbeiten von Moebius mit „Tim und Struppi“ zu verwechseln. Und all dies bleibt Teil einer großen Comic-Kultur.

Die bekanntesten bande dessinée

Eines der bekanntesten Beispiele ist „Tim und Struppi“ von Hergé, die Geschichte eines jungen Reporters, dessen Abenteuer bereits 1929 veröffentlicht wurden. Später wurde Hergé einer der einflussreichsten Autoren des europäischen Comics.
Eine weitere ikonische Serie ist „Asterix“ von René Goscinny und Albert Uderzo. Seit der ersten Veröffentlichung in Pilote im Jahr 1959 wurden die Abenteuer der Gallier zu einem internationalen Phänomen. Laut der offiziellen Website von „Asterix“ wurde die Serie in mehr als einhundert Sprachen und Dialekte übersetzt.
Zu den Klassikern gehören auch „Lucky Luke“ von Morris, „Die Schlümpfe“ von Peyo und der Western Blueberry, geschaffen von Jean-Michel Charlier und Jean Giraud.
Doch die bande dessinée blieb nicht nur eine Welt humorvoller oder kindlicher Abenteuer. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts experimentierten die Autoren zunehmend mit der Form und arbeiteten für ein erwachsenes Publikum. Wichtige Zeitschriften wie Métal Hurlant, die mit dem Werk von Moebius verbunden sind, wurden zunehmend sichtbar, und später wurde der künstlerische Graphic Novel immer prominenter.
Deshalb findet man neben klassischen Abenteuerserien in der frankophonen Comic-Kultur auch Science-Fiction, Biografien, historische Werke, Noir, politische Satire und experimentelle Grafik.

Warum Comics als „neunte Kunst“ bezeichnet werden

In Frankreich und Belgien wird die bande dessinée oft als „neunte Kunst“ — le neuvième art bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass es eine offizielle Liste gibt, in der Comics strikt den neunten Platz einnehmen.
Der Begriff entstand als Fortsetzung der Tradition, verschiedene Kunstformen bedingt zu nummerieren. So wurde das Kino bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „siebte Kunst“ bezeichnet. Als Comics in der Mitte des Jahrhunderts zunehmend nicht nur als Kinderspaß oder Teil der Massenpresse, sondern als eigenständige Form der Kreativität wahrgenommen wurden, erhielt auch diese eine ähnliche Bezeichnung.
Der Ausdruck neuvième art in Bezug auf Comics begann sich in den 1960er Jahren zu verbreiten. 1964 verwendeten Morris, der Autor von „Lucky Luke“, und Pierre Vankeer in einer Artikelreihe über die Geschichte des Comics in der Zeitschrift Spirou den Titel 9e Art. Im Laufe der Zeit hat sich der Begriff so im frankophonen Raum etabliert, dass er fast ein Synonym für die Kunst des Comics geworden ist. Die Geschichte der Entstehung dieses Begriffs wird ausführlicher von Cité internationale de la bande dessinée erklärt.
Die Bedeutung des Ausdrucks ist vor allem symbolisch. Er betont, dass Comics nicht nur Text mit Bildern sind, sondern eine eigene Art, Geschichten zu erzählen, bei der Bedeutung durch Zeichnungen, Seitenkomposition, Text, die Reihenfolge der Panels und die Pausen zwischen ihnen geschaffen wird.
Das zeigt gut den Platz der bande dessinée in der frankophonen Kultur. Comics können hier schon lange nicht mehr nur ein Abenteuer- oder humorvolle Geschichte sein, sondern auch eine Biografie, politische Satire, historische Dramatik, epische Fantasie oder experimenteller Graphic Novel.
„Asterix“, „Tim und Struppi“ und „Die Schlümpfe“ definieren daher nicht die bande dessinée, sondern repräsentieren nur ihren bekanntesten Teil. Hinter ihnen steht eine große Kultur der gezeichneten Erzählung, die parallel zu amerikanischen comics und japanischen Manga entwickelt wurde, aber eine eigene Geschichte, Verlags-Tradition und künstlerische Sprache hervorgebracht hat.
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